Der Tag vor der Nachtschicht

Heute Nacht arbeite ich. Das heißt: Der ganze Tag davor ist eine einzige lange Anfahrt. Wer Schichtdienst kennt, kennt dieses Gefühl, dass der Tag einem nicht ganz gehört. Man kann nichts Großes anfangen, weil man sich die Kraft einteilen muss, und nichts ganz Kleines, weil dann die Wartezeit zu laut wird. Also habe ich über die Jahre eine Art Rezept entwickelt: Der Tag vor der Nachtschicht wird weich gemacht.
Weich heißt: Langsamer Kaffee statt schnellem. Spaziergang mit Ida, aber die gemütliche Runde, die ohne Ehrgeiz. Ein Blick ins Beet, weil das Beet die Ruhe selbst ist und so etwas abfärbt. Und mittags etwas Ordentliches kochen, damit der Körper weiß: Wir sind versorgt, egal was die Nacht bringt.
Der Mittagsschlaf, ein Drama in einem Akt
Zum Ritual gehört eigentlich auch der Mittagsschlaf. Eigentlich. In der Theorie lege ich mich zwei Stunden hin und stehe erfrischt wieder auf. In der Praxis liege ich da, höre dem Haus beim Knacken zu, Ida seufzt vor der Tür wie ein enttäuschtes Publikum, und nach 40 Minuten stehe ich wieder auf und behaupte, es hätte geholfen. Manchmal stimmt es sogar.
Nachtschicht ist, wenn dein Feierabend Sonnenaufgang heißt.
Und dann das Wichtigste
Trinken. Ich vergesse es jedes Mal, und jedes Mal nehme ich es mir fest vor. Diesmal stand die Flasche den ganzen Tag neben mir, gefüllt, geduldig, komplett ignoriert. Am frühen Abend fiel es mir auf: kein Tropfen. Läuft richtig gut mit mir. Also habe ich nachgelegt, damit mein Hirn in der Nacht nicht zu Staub zerfällt. Das ist jetzt keine medizinische Fachsprache, aber ihr wisst, was gemeint ist.
Gleich packe ich meine Sachen, bringe alle unter, und dann fahre ich los, während bei euch die Rollläden runtergehen. Denkt kurz an mich, so gegen drei Uhr nachts. Da ist die Stunde, in der Kaffee nur noch eine Meinung ist.